Pamphlet für ein politisches Miteinander

Manchmal erschleicht mich das Gefühl, Demokratie beschränke sich darauf, das Wirtschaftswachstum in einem gegebenen Rechtsraum, sei es im Staat oder in einem supra/multinationales Gefüge, zu befördern. Auf dem Niveau des Individuums übersetzt sich das natürlich dadurch, dass man versuchen muss, seinen eigenen Reichtum zu vergrößern. Damit würde man nämlich auch das Wirtschaftswachstum der Nation befördern und zu einem geschlossenen, kohärenten System beitragen. 

Publié le by Nerges Azizi (author)

Demokratie - charakterisiert durch den Kampf ums Überleben. Der stärkere, thus reichere gewinnt. Das beste aller bisher erdachten Systeme soll also das sein, dessen Zielsetzung sich auf materielle Notwendigkeiten, den Konsum, beschränkt. Das ökonomische Wesen des Politischen charakterisiert sich durch das Numerische: Noten, Gehalt, Rankings, BIP… Kein Wunder, dass man sich dann nicht motivieren kann, sein Essay zu schreiben oder für die nächste Klausur zu lernen. Kein Wunder, dass man darüber vergisst, dass man nicht nur einen Universitätsabschluss erwirbt, der einen für die Arbeitswelt qualifiziert, in der man das Bruttoinlandsprodukt steigert.


Dass man in der Universität nämlich vor allen Dingen für sich selbst auch neues Wissen erwirbt, mit dem man sich auf zu neuen Denkhorizonten wagen kann. Sehnsüchtig schweifen meine Gedanken zu Novalis‘ „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen…“
Ganz so dichotom und trist sieht’s aber dann in Wirklichkeit doch auch nicht aus: Immer wieder werden auf unserem Campus kritische Fragen gestellt; immer wieder versucht also der ein oder andere, sich darauf zu berufen, dass wir im Endeffekt soziale Wesen sind, dass wir nicht nur DINGE akkumulieren, sondern auch WERTE kultivieren. Diese verwandeln sich zu Ewigkeiten, durch die wir uns über unsere Sterblichkeit und unsere alltäglichen Nasepopeleien abheben können, die uns das Gefühl geben, das Leben leuchte von innen.
Leider gibt es aber auch die Tendenz, jene, die fühlen, versuchen und hoffen, als „Gutmenschen“ abzutun, die ihr Interesse für die anderen nur vorheucheln, da der Mensch ja im Endeffekt nur sein Eigeninteresse verfolgen kann. Dies läge daran, dass wir von Natur aus archaische Wesen sind, die sich gegenseitig bekämpfen und legitimiert auch, dass man sich verantwortungslos auf Kosten seiner Mitmenschen bereichert.


Jener, der dem „egoistischen“ Menschenbild unterliegt, kennt sich aber selbst nicht, da er in seinem Kopf die Instanz ist, die sich selbst untersucht, die untersuchende Instanz aber nicht sehen kann. Trotz seiner einzelgängerischen Konzeption benötigt er also die Anerkennung der anderen, um sich selbst zu erkennen. Fügt er sich dem totalitären ökonomischen Imperativ, so bleiben ihm dafür aber nur noch materielle Statussymbole (Rolex Uhr, Fetter Ferrari…), die er demonstrativ und zwanghaft zur Schau stellen muss. Er erfährt recht bald an eigener Haut, dass in Wirklichkeit nur der wirklichen Anerkennung erfährt, der sich durch seine Worte und Taten im sozialen Miteinander auszeichnet. Selbst die Kritiker des „GutMENSCHen“ mögen nämlich nicht zu verbergen, dass in dem Versuch, das Individuum in seinen sozialen Kontext füreinander zu einsetzen, eine inhärente, vielleicht DIE „Menschlichkeit“ liegt, durch die wir uns als HUMANE Wesenheiten auszeichnen.


Daraus folgt, dass sich auch die Demokratie nicht ausschließlich darauf beschränken kann, die Effizienz der Ökonomie zu steigern. Berufen wir uns auf ihre Ursprünge, so zeichnete sich die Polis in der Antike sogar im Gegenteil dadurch aus, dass die Ökonomie der Privatsphäre zugeordnet wurde. Dadurch waren die Bürger von den archaischen, materiellen Notwendigkeiten befreit und konnten sich über gemeinsame Probleme und Ziele verständigen. Freiheit bedeutete nicht im negativen Sinne, den Staat abzubauen, sondern im positiven Sinne, sich im Staat für das soziale Miteinander zu engagieren.


Dies bedeutet nicht, dass ich mich für die Rückkehr des antiken Modells der Demokratie einsetze, welches sich nämlich nur deshalb der Ökonomie entledigen konnte, weil es sich aus Sklaven speiste. Die Ökonomie verdient also im heutigen politischen Aushandlungsprozess durchaus ihre Stellung: Sie stellt für mich eines der vielen Mittel dar, mit denen man uns Bürgern jene Ausgangsbedingungen bereitstellt, aus denen wir uns unserer Individualität gemäß emanzipieren und entfalten können.
Politik darf sich aber nicht nur auf die wirtschaftlichen Mittel und Bedingungen limitieren; sie sollte darüber hinausgehen und auch ermöglichen, ein soziales, möglich gerechtes kulturelles Miteinander zu gestalten.

Sehnsüchtig schweifen meine Gedanken zu Novalis‘ „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen…“

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