Flagge zeigen?

Drei Tage Volkstrauer. Eine Republik weiß nicht weiter. Ein Staatschef kündigt den “mitleidslosen Kampf” gegen den Terrorismus an. Weinende Menschen liegen sich in den Armen - und Trikolore und Marseillaise überall. Darf das so sein?

Publié le by Serafine Dinkel (author)

In Zeiten der Krise und der Verunsicherung ist Einheit und Verständigung gefragt. Ob der tiefen Spaltung der politischen Landschaft gerät die Schaffung dieser Einheit für François Hollande momentan zu einem innenpolitischen Spagat. Kritiker warteten nicht das Ende der drei Tage Trauer ab, um die Ereignisse zu ihren Zwecken zu verwenden (Victor Bernard,http://leparvenu.net/fr/2/53/438/Horreur-et-récupération.htm).

Allerlei Kurswechsel wurden eingeschlagen, um Gegner zu beschwichtigen und die Gräben zu glätten, unter anderem die umstrittene Änderung der französischen Verfassung, die den Entzug der Staatsbürgerschaft ermöglichen soll.

Jenseits der politischen Sphäre sind der Bevölkerung keine solchen Handlungsmöglichkeiten beschert; so äußerte sie ihren Schock und ihre Trauer während dieser Tage (trotz Versammlungsverbot auch schon am Samstag) in unzähligen Versammlungen, auch in Nancy auf der Place Stanislas, zündete Kerzen an, schwieg.

Wie zur Mahnung halten einige die Trikolore hoch. Die französische Flagge ist wieder auf den Bussen, nur nicht frei flatternd wie an den nationalen Feiertagen, sondern mit schwarzem Trauerband gehalten. Und immer wieder ertönt die Marseillaise. Nach der Schweigeminute im Hof der Sorbonne von den Staatschefs, in der Nationalversammlung, im Senat, in Sciences Po Paris, aber auch einfach so auf der Straße vor den Bars.

Natürlich sind die Nationalsymbole in der französischen Konzeption nicht so vorbelastet wie in der deutschen. Während Flaggen im öffentlichen und privaten Raum in Frankreich keine Seltenheit sind, trauen sich die meisten Deutschen nur während der Fußball-WM, ihre Fähnchen auszupacken und zögerlich die ersten Takte von “Einigkeit und Recht und Freiheit” mitzunuscheln.

Als Deutsche(r) ist man angesichts der Präsenz der Nationalsymbole also ohnehin manchmal leicht verunsichert. Ich zum Beispiel fand es schockierend, als sich im letzten Jahr im Rahmen einer politischen (Werbe-)veranstaltung von Nicolas Sarkozy (die Kollegen von der FAZ berichteten nicht ganz faktengetreu von der Präsenz der SciencesPistes, http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/sarkozy-nouveau-pappbecher-statt-trueffelpasta-13247669.html)  auf einmal der ganze Saal zur Hymne erhob, als wäre die Bastille gestürmt worden, damit “Nico” Präsident werden kann.

Die Instrumentalisierung nationaler Symbole für politische Zwecke ist auf jeden Fall problematisch. Andererseits gibt es kaum etwas, das die in diesen Tagen gesuchte nationale Einheit besser ausdrückt. Über was kann ein Volk sich einig sein, an was sich festhalten in einer Zeit der Verunsicherung, als an seinen Werten und Symbolen?

Die französische Nationalhymne mag das Symbol für die Revolution, für die Befreiung von Unterdrückung, für liberté, égalité, fraternité sein, doch ihre Wortwahl ist bekanntlich recht blutrünstig. In einem Klima, in dem Ängste und Hass geschürt werden, singen Patrioten die Worte “Marschieren wir, marschieren wir!/ Unreines Blut/ Tränke unsere Furchen!”. Dabei wird mir irgendwie mulmig zumute.

“La France est en guerre”, sagte François Hollande am Montag. Bedeutungsschwere Rhetorik ist die Reaktion auf die Schwere der Anschläge, und das nicht nur in der Politik. Gestern wurde im Théâtre de la Manufacture das “Neue Stücke”- Theaterfestival eingeweiht. Die Repräsentanten von Nancy beriefen sich auf die Schwere der Krise, auf die Unbeirrbarkeit und Einheit der Bevölkerung, aber auch darauf, dass der Kunst und der Freude trotz allem oder gerade deswegen Raum gegeben werden sollten. Damit haben sie vollkommen recht. Aber der Intendant des Karlsruher Staatstheaters rief in Erinnerung, wie wichtig die Kommunikation in der und die Einbindung in die Bevölkerung sei, zum Beispiel im Umgang mit Flüchtlingen.

In Frankreich hat man dieser Tage manchmal den Eindruck, dass unter der Rhetorik der vereinten Stärke das Zuhören in Vergessenheit gerät. Es scheint, als bliebe in der verständlicherweise emotional aufgeladenen Atmosphäre kein Platz mehr für rationale Analyse. Es kostet einen Klick, sein Profilbild mit der Trikolore zu schmücken. Es kostet aber einige Gedanken, sich mit der Problematik tiefer auseinanderzusetzen.

Nichts ist daran falsch, in der französischen Flagge und Hymne einen einheitsstiftenden Trost in einer bedrängten Lage zu sehen. Es darf nur nicht vergessen werden, vor lauter Einheit nicht nur nach-, sondern vorallem auch miteinander zu sprechen.

In einem Klima, in dem Ängste und Hass geschürt werden, singen Patrioten die Worte “Marschieren wir, marschieren wir!/ Unreines Blut/ Tränke unsere Furchen!”

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