Gletscherschmelzen, Gipfelstürmer

Ein Rückblick auf die IRS Week 2015, mit Dr. Josef Mantl, Markas Arkeidis und dem luxemburgischen Außenminister Jean Asselborn

Eine Klimakonferenz für 2A, die von Climate Change noch nicht genug haben. Eine Institutionenkonferenz für 1A und 2A, die die Fiche Pays zu Ungarn und Frankreich nicht genau genug studiert haben. Und eine Diplomatiekonferenz für alle, die im Nahen Osten nicht durchblicken.

 (photo: Sébastien Muñoz)
(Photo: Sébastien Muñoz)

Publié le by Serafine Dinkel (author)

Dr. Josef Mantl

Der Name Al Gores in Verbindung mit Klimawandel sollte mittlerweile, fast zehn Jahre nach Erscheinen des Films “Eine unbequeme Wahrheit”, jedem halbwegs mündigen Wesen etwas sagen. Demnach ist die Bezeichnung “Al Gore Climate Leader” keine schlechte Referenz.

Die von Gore gegründete NGO “The Climate Reality Project” bildet den “Climate Reality Leadership Corps” aus, eine Gemeinschaft von Climate Leaders aus, die vorrangig mit einer auf dem Film basierenden Präsentation, aber auch durch lokalpolitisches Engagement gegen Klimaskeptizismus kämpft, und sich für den Emissionsrechtehandel als wirtschaftlich lukrative Umsetzung von CO2-Beschränkungen ausspricht.

Teil dieser Klimaführungsriege ist auch Dr. Josef Mantl, Kommunikations-Entrepreneur und ehemaliger Stürmer des österreichischen Chartgipfels, der uns ebenjene Präsentation hielt.

Man mag sich darüber streiten, ob es sinnvoll ist, wissenschaftliche Fakten zum Klimawandel von einem Nicht-Naturwissenschaftler präsentiert zu bekommen und ob ein solcher Unternehmer ein glaubwürdiger Ansprechpartner ist. Einige der präsentierten Fakten waren äußerst aufschlussreich, wie zum Beispiel der Geldbetrag, den Frankreichs Wirtschaft jedes Jahr durch den Klimawandel einbüßt (angeblich 4 Mrd. Euro). Problematisch ist aber vor allem, dass die Hintergründe dieser Informationen nicht mit präsentiert wurden, dass Zusammenhänge eher platt und direkt dargestellt wurden – was Mantl selbst als verständliche „American Style“-Präsentation lobte.

Um vor Studenten, die zu großem Teil ein Semester intensive Auseinandersetzung damit hinter sich haben, den Klimawandel vorzustellen, muss man sich vielleicht etwas anders anstellen, als um generelle Klimaskeptiker zu überzeugen. Mantl erwähnte scherzhaft, dass viele Klimaexperten sich in zu wissenschaftlich spezifischen Erläuterungen verlieren würden - dennoch besteht die Lösung nicht darin, Zusammenhänge in einfachsten Graphiken darzustellen..

Doch der „American Style“ wirkt auf den europäischen Betrachter ein wenig polemisch. Der Sinn eines derartigen Vortrages ist einerseits zu interessieren, andererseits dauerhaft zu überzeugen. Erweckt der Sprecher selbst nicht den Eindruck faktisch die Materie zu meistern, ist das eher kontraproduktiv. Und sich hinter der Bezeichnung “Al Gore Climate Leader” zu verstecken und erst auf Nachfragen zu erklären, dass es sich um eine eintägige Ausbildung durch Al Gore handelte, ist vielleicht ein wenig irreführend.

Sicherlich ist das “Climate Reality Project” eine sehr sinnvolle Initiative und sicherlich ist Herr Mantls Engagement sowohl im Massachusetts Senate als auch für dieses Projekt ehrenwert. Sein vorgefertigter Vortrag wirkte allerdings an einigen Stellen undifferenziert. Die Meinungen aber teilen sich letztlich: In der Umfrage waren die Stimmen für “sehr überzeugend” und “überhaupt nicht überzeugend” gleich verteilt.

 

Markas Arkeidis

Das Umkehrbeispiel für Vortragsqualität. Was erwartet man von einer Konferenz mit dem mahnenden Titel “European democracies in danger”? Irgendetwas, das entsprechend dieser polemisch formulierten Frage die Gemüter bewegt und einen Antwortversuch erwarten lässt. Leider handelte es sich zum Teil mehr um eine Wiederaufbereitung der IPC-Séance zur 5. Republik und eine Zusammenfassung der Fiche Pays zum Thema Ungarn.

Es war durchaus interessant zu sehen, wie die demokratische Organisation in beiden Ländern einem Abwärtstrend zu folgen scheint: bezüglich “democratic functioning” wurde Frankreich auf dem 28. Platz, Ungarn auf dem 29. klassifiziert. Auch wenn klar ist, dass die 5. Republik mehr als eine institutionelle Schwäche aufweist, ist diese Parallelsetzung der beiden Länder immerhin beunruhigend; genau wie der Korruptionsgrad in der Assemblée nationale.

Zur Aufdeckung der Tatsache, dass die französische Verfassung eine übertrieben starke Exekutive vorsieht, und dass Ungarn seit 2010 nach russischem Vorbild immer undemokratischer wird, hätte es aber vielleicht keine extra Konferenz gebraucht.

Die Klassifizierung der institutionellen Systeme bei der Länder nach verschiedenen Faktoren und nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten (also auf profunde, faktenbasierte Weise und nicht als gottgegebene Tatsache...) ist eigentlich durchaus Interesse wert, aber, und hierin lag die offensichtliche Schwäche dieses Vortrags, ein zu vermittelnder Inhalt muss auch in irgendeiner ansprechenden Form aufbereitet werden. Ich persönlich habe an Sciences Po wenig Referate gehört, die eine ähnliche Aufzählung von Fakten ohne roten Faden präsentierten. Auch wenn ich nicht so weit gehen würde, wie ein anonymer Teilnehmer meiner Umfrage (“No - just no.”) gehen würde, so ist es doch schade, wenn ein Vortrag so wenig an seine Zuhörerschaft angepasst ist.

 

Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn

Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn

Jean Asselborn

Deutlich mehr Zulauf erhielt der Vortrag des Luxemburger Außen- und Europaminister Jean Asselborn vergangenen Donnerstag, der sich zum Thema “Middle Eastern Struggle” aussprach; diesmal ohne PowerPoint und auf ehrlich-sympathische Weise. Wer sich nicht für den Nahen Osten interessiert, ist selbst schuld, denn irgendwann wird sich der Nahe Osten für ihn interessieren - einerseits eine zum Schmunzeln bringendes Eingangsstatement, das anderseits deutlich macht, wie angesichts der jüngsten Ereignisse die Stellungnahme eines jeden zur Nahostproblematik gefragt ist.

Asselborn begann mit der Feststellung, dass die Problematik nicht nur auf religiösen Faktoren, sondern auf die klassische demokratische Fragestellung wie die der Gewaltenteilung zurückzuführen sei. Im Angesicht der vorhergehenden Konferenz war uns an diesem Zeitpunkt bereits klar, dass auch die westlichen Demokratien sich immer noch damit auseinanderzusetzen haben.

Er strukturierte in drei Haupt-Konfliktherde: Den Bürgerkrieg in Syrien und dem Irak und den Einfluss von ISIS, den Israel-Palästina-Konflikt sowie die Frage nach irakischen Atomwaffen, und präsentierte diplomatische Vorgehensweisen zu diesen Punkten.

Er berief sich unter anderem auf Luxemburgs UN-Sicherheitsresolution zu humanitärer Hilfe, räumte aber die Schwierigkeit der Kontrolle europäischer IS-Kämpfer ein. Dem wäre noch die fragwürdige Wirksamkeit einer solchen Resolution angesichts der seit 2011 andauernden prekären humanitären Situation hinzuzufügen.

Obwohl er den Kompromiss der P5+1-Verhandlungen begrüßte, unterstrich er die Problematik um nahöstliche Prioritäten: Stellt der IS oder der Iran eine größere Bedrohung dar?

Währenddessen besteht auch der Israel-Palästina-Konflikt fort, die Gewalt in Gaza eskaliert weiter: Asselborn sprach sich gegen die israelische Siedlungspolitik aus und betonte zudem die Notwendigkeit einer klaren europäischen Positionierung; die. Zeiten von “Europe as the payer, but not the player” müssten sich ändern. Die Nützlichkeit der Klassifizierung von aus israelischen Siedlungsgebieten stammenden Produkten als solche als Aktionspriorität der Europäischen Union bleibt aber dahingestellt.

Alles in einem erwähnte Asselborn nichts in diesem Sinne komplett Neues. Aber seine Erläuterungen wirkten dennoch strukturiert und kohärent. Auch seine Umfragebewertungen waren daher recht positiv (nur einmal die Antwort „I already knew everything“). Ob man seine Meinung nun vertritt oder nicht präsentierte er sich als charismatisch-pragmatischer Politiker und bezog sich in einem finalen Statement auf ein Zitat von Percy Kemp: Si vous avez compris quelque chose sur le Moyen-Orient, c’est surement qu’on vous l’a mal expliqué”

 

Zusammenfassend handelte es sich um drei sehr unterschiedliche Konferenzen, die aus unterschielichen Gründen – ob Englisch mit Österreicher oder deutschem Akzent – in Erinnerung bleiben. Die Abschlusskonferenz war wohl am eindrucksvollsten, was natürlich auch am Prestige der Rolle des Außenministers liegen mag. Vielen Dank an die International Relations Society für diese Bereicherungen.

 

Wer sich nicht für den Nahen Osten interessiert, ist selbst schuld, denn irgendwann wird sich der Nahe Osten für ihn interessieren - ein Eingangsstatement, das deutlich macht, wie angesichts der jüngsten Ereignisse die Stellungnahme eines jeden zur Nahostproblematik gefragt ist.

0 Response(s) to “Gletscherschmelzen, Gipfelstürmer”

Comments are locked / disabled for this article.