Praktikum in Shanghai- und wie die Politik in der Musikbranche mitmischt

Musik wird in China im wahrsten Sinne des Wortes lautstark geschätzt

Die Lieblingsbeschäftigung von alten Männern ist es im Sommer ohne T-Shirt mit einem auf maximale Lautstärke gedrehten Radio durch die Gassen zu radeln, jede normale Oma versteht es sich darauf, den Strom einer Straßenlaterne für die allmorgendlichen Tanzkurs im Park anzuzapfen, kein Lift ohne Hintergrundgedudel und kein U-Bahnfahrer ohne Stöpsel im Ohr.

Publié le by Sophie Sobkowiak (author)

 Um Musik in China drehte sich auch sechs Wochen lang mein Praktikum. Durch Guanxi (ein goldenes Wort in China und auf gut deutsch „Kontakte“) erfuhr ich von der Möglichkeit eines Praktikums bei einem Musikpromoter und Konzertorganisator mit Standpunkten in Shanghai und Peking. Idealerweise konnte ich so das Praktikum auch mit einem Heimurlaub verbinden- gutes Essen und gemachtes Bett inklusive.

Nicht nur lernte ich interessante, natürlich internationale Lebensläufe kennen, sondern erhielt auch Insiderinformationen über die chinesische Musikindustrie. Die hier seit Jahren arbeitenden Laowai (die „alten ehrenwerten Ausländer“) sind ohne Ausnahme Alternativler und sind im Gegensatz zu vielen anderen Expats besser integriert und kennen sich deswegen gut mit aktuellen Trends und dem speziellen chinesischen Publikum aus. So haben einige bei uns sehr bekannte Künstler in China überhaupt keinen Namen, denn viele ausländische Promoterfirmen unterschätzen, dass die chinesische Musiklandschaft sehr anders aussieht als die westliche. Generell gilt, dass man sich als Konzertorganisator auf eine Kerngruppe von lokalen Musikfans und regelmäßige Festivalgänger in China stützen und ihren Geschmack durch ein passendes Line-Up treffen muss, also eine gesunde Mischung aus bereits bekannten und weniger bekannten, chinesischen und internationalen Musikern.

Einschreiten der Polizei beim Chendu Strawberry Fest am 13./14. Juni

Einschreiten der Polizei beim Chendu Strawberry Fest am 13./14. Juni

Im Gegensatz zu anderen ostasiatischen Ländern, allen voran Japan und Korea, steht China wegen kulturellen und politischen Gründen, beispielsweise das Problem des Copyright-Schutzes und der staatlichen Zensur, noch in den Startlöchern. Die koreanische Regierung zum Beispiel investierte viel Geld, um K-Pop in eine der wichtigsten Exportindustrien zu verwandeln; als Ergebnis hat sich diese Musikrichtung zu einem globalen Phänomen ausgewachsen. Unbestreitbar ist jedoch, dass die chinesische Musikindustrie sehr großes Potential hat, denn wie in jeder anderen Branche auch lockt die unheimlich starke Konsumkraft der neuen Mittelklasse. Die Bereitschaft, Geld auch für nicht-materielle Waren wie Musik auszugeben wächst mit der größer werdenden Auswahl – auch wenn sich diese Bereitschaft meistens (noch) auf den Musik-Mainstream beschränkt.

Wie sieht nun diese mystische Musiklandschaft aus? So weitläufig wie China selbst! Die Koexistenz zweier Strömungen, Traditionalismus und Moderne, widersprechen und ergänzen sich, viele lokale Bands setzten sich mit diesem Thema auseinander. Hanggai, eine (inner-)mongolische Hardrock-Band, schafft es beispielsweise auf gelungene Weise die Pferdekopfgeige und Bauchgesang in ihr Genre zu integrieren. Außerdem gibt es den in den in den 1920ern entstandenen, vom amerikanischen Jazz inspirierte und lange Zeit unter Mao Zedong geächteten C-Pop oder Commercial Pop. Die frühesten Entwicklungen fanden in Hongkong und Taiwan statt, und mit der wirtschaftlichen Öffnung Chinas ab den 1980ern auch auf dem Festland. Es gibt durchaus Bands mit individuellem Musikstil, doch die Massen werden leider hauptsächlich wie überall wie überall vom neusten Trend gelenkt. Der Grund warum viele Sänger austauschbar erscheinen liegt darin, dass die Musiktexte und Komponisten von denselben Musikproduzenten vorgegeben werden (was aber im Westen auch eine weit verbreitete Praktik ist).

Die Chinesen sind Weltmeister im Raubkopieren, Geistiges Eigentum war lange ein Fremdwort. Aber das Copyright ist für viele Künstler, ein in der chinesischen Gesellschaft nicht sehr angesehener Beruf,  substantiell. Ein „großer Schritt“ stellt 2011 die Lizensierung der vorher frei herunterladbaren Musik auf Baidu, dem chinesischen Äquivalent zu Google, dar – vorher lag der Anteil der illegal erworbenen Musik bei fast 100%. Ein wohl dringend nötiger Schritt, denn im selben Jahr waren im Vergleich die Einnahmen der Musikindustrie in Thailand höher als Chinas - mit nur einem zwanzigstel der Bevölkerung. Zugeständnisse auf Drängen der USA hin hat China erst gemacht,  seit die Mitgliedschaft in der WHO die Einhaltung bestimmter Regeln fordert - doch die Entscheidungen eines Schiedsgerichts bleiben Zugeständnisse und die National Copyright Administration von China bleibt trotzdem relativ macht- und effektlos. Eine Hoffnung ist, dass die stärkere Lizensierung von Filmen im Netz bald auch auf die Musik übertragen wird. Youku, ein Videoportal, wird unter anderem von großen ausländischen Firmen für Werbung bezahlt, die aber des Images wegen nicht mit Piraterie im Netz in Verbindung gebracht werden wollen. Um also Sponsoren nicht zu verlieren, ließ sich Youku auf mehr Lizensierungen ein – ein weiteres Beispiel dafür, dass Druck von außen eine kleine Veränderung bringen konnte. Dass große Medienkonzerne und Musiklabels nun Geld von chinesischen Streaming-Anbietern bekommen gilt allerdings nicht immer für einzelne Musiker. Trotz allem scheint das Bewusstsein in der Bevölkerung gegenüber des Schutzes des geistigen Eigentums gestiegen zu sein: in nur 2,25% der gerichtlichen Fälle war 2011 eine ausländische Partei verwickelt.

Immer wieder machen neue Zensurmaßnahmen der Regierung Schlagzeilen, offiziell, um der Piraterie entgegenzuwirken. Die Kriterien des Kulturministeriums, das über „staatsfeindliche“ oder „kulturschadende“ Inhalte entscheidet, sind weitgehend unbekannt und scheinen willkürlich, so wurde Lady Gaga kürzlich wieder von der Liste „Verbotener Musiker“ genommen und  ihr Album von letztem Jahr darf nun auch in China veröffentlicht werden. Die Behörden machen den Konzertorganisatoren das Leben schwer: jeder ausländische Künstler braucht eine spezielle Lizenz, um auftreten zu dürfen. Das sollte Unternehmen aber nicht von ihrer Mission abhalten, durch das Promoten von diversen chinesischen und ausländischen Bands den Chinesen eine Alternative zum C-Pop Mainstream zu geben.

 

Chinas Musikindustrie steht aus kulturellen und politischen Gründen noch in den Startlöchern.

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