Von Supermärkten, Klischees und unausgesprochenen Zielen

Von Supermärkten, Klischees und unausgesprochenen Zielen

Es ist also sehr wohl möglich ein „Stage Terrain“ zu finden, bei dem man eine exekutive Arbeit zugeteilt bekommt, gleichzeitig aber auch Einblick in viel komplexere und interessantere Gebiete bekommt. 

PME et Entrepreneuriat (photo: Fabricio COSTA)
PME et Entrepreneuriat (Photo: Fabricio COSTA)

Publié le by Fabricio de Sousa Costa (author)

Eine erste Erfahrung in der Arbeitswelt sammeln, die Arbeitsumstände von Angestellten kennenlernen und mit eben diesen zusammenarbeiten, welche uns später wahrscheinlich hierarchisch untergeordnet sind, wenn wir die wichtigen Chefposten bekleiden: Das sind zusammengefasst die pädagogischen Ziele des „Stage Terrain“, wie wir sie von Sciences Po vorgestellt bekamen. Angesichts dieser doch etwas elitären und wenig ambitionierten Zielsetzung war meine Erwartungshaltung dem „Stage Terrain“ gegenüber eher inexistent. Doch ich hatte Unrecht. Also nicht in Bezug zu meiner Meinung zu den Zielen des Praktikums, sondern was meine eigenen Erwartungen anging. Es ist durchaus möglich, ein interessantes „Stage Terrain“ zu finden, das mehr ist als eine erste Erfahrung in der Arbeitswelt und ein Kennenlernen des Arbeitshabitus der „untergeordneten“ Angestellten, und der auch noch von Sciences Po akzeptiert wird. Mein Praktikum im luxemburgischen Wirtschaftsministerium in der Abteilung „PME et Entrepreneuriat“ ist ein solches „Stage Terrain“, das ich stets weiterempfehlen würde.

 

Gleich zu Beginn konnte ich mit einem altbekannten Klischee aufräumen. Im Ministerium gibt es tatsächlich Staatsbeamte, die acht Stunden am Tag arbeiten und nicht, so sieht es ein Großteil der Öffentlichkeit, von einer Kaffeepause in die nächste existieren. Außerdem wurde ich mit einer extremen Freundlichkeit empfangen, die man unseren Staatsbeamten auch nicht gerade nachsagt. Meine Aufgabe war klar und wie sich später herausstellte auch bitter notwendig: eine Bestandsaufnahme aller Geschäfte, Supermärkte und Einkaufszentren erstellen, welche eine Verkaufsfläche von über 400m2 besitzen und somit unter eine spezielle gesetzliche Ordnung fallen und eine spezielle Genehmigung benötigen. Dafür standen mir das Archiv, das interne informatische System und natürlich das Internet zur Verfügung. Was sich anfangs wie eine einfache, möglicherweise sogar langweilige Arbeit anhört, war in Wahrheit viel komplizierter. Es stellte sich heraus, dass im Archiv zwar Ordnung herrschte, die Quantität an Ordnern und Dokumenten jedoch so enorm war, dass es ewig dauerte, um eine präzise Information zu finden. Im Gegensatz dazu war das informatische System nicht so umfangreich, dafür allerdings nicht gut strukturiert und einfach schlecht programmiert.

 

Da ich aber nicht wirklich auf jeden Supermarkt und jede kleine Schwierigkeit einzeln eingehen möchte, kann ich insgesamt sagen, dass die Arbeit weitaus interessanter und tiefgründiger war als ich anfangs dachte. Ich bekam nämlich nicht nur einen Einblick in die Verkaufsflächen der großen Supermarktketten, sondern lernte auch den gesetzlichen Rahmen kennen, in dem das Ministerium agieren muss, wenn es Geschäftserlaubnisse und Sondergenehmigungen ausstellt. So bekam ich zum Beispiel auch die Möglichkeit eine neue Gesetzesvorlage durchzulesen und sie mit einem Mitarbeiter zu besprechen. Doch der interessanteste Moment meines „Stage Terrain“ war zweifellos mein Aufeinandertreffen mit dem luxemburgischen Wirtschaftsminister Etienne Schneider, mit dem ich eine Viertelstunde über die politische Lage in Luxemburg diskutierte.

 

Es ist also sehr wohl möglich ein „Stage Terrain“ zu finden, bei dem man eine exekutive Arbeit zugeteilt bekommt, gleichzeitig aber auch Einblick in viel komplexere und interessantere Gebiete bekommt. Ich fühlte mich jedoch als Angestellter nicht untergeordnet, sondern wie ein Teil des Teams, der seinen Beitrag leistet, und das, weil man mir Einblick in komplexere Themen gewährte und mich gleichzeitig auf meine Art und Weise die Aufgabe bearbeiten ließ. Aber vielleicht ist das ja das alternative, unausgesprochene Ziel des „Stage Terrain“: Uns zu zeigen, dass jede Arbeit wichtig ist und gebraucht wird, mag sie noch so simpel erscheinen und noch so verpönt sein. Mir gefällt das auf jeden Fall viel besser. 

Im Ministerium gibt es tatsächlich Staatsbeamte, die acht Stunden am Tag arbeiten und nicht, so sieht es ein Großteil der Öffentlichkeit, von einer Kaffeepause in die nächste existieren.

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