Von Energy-Drinks, Teebutter und Augenringen

Praktikum im Supermarkt

Ein Praktikum zu bekommen, ist wie ein Aufriss. Man muss mit vielen Leuten sprechen, sich sehr darum bemühen, ohne aufdringlich zu werden, und im Endeffekt auf das Beste hoffen. Unglaublich aber wahr, habe ich im schönen Österreich eine persönliche Connection gebraucht, um im Juni bei BILLA, einem Supermarkt, arbeiten zu dürfen. Nein, mein Stage Terrain war das nicht, das habe ich schon gemacht. „Die Arbeitswelt von der Seite derer kennenzulernen, die man später einmal managen wird“, wollte ich nicht; mein Beweggrund für ein Monat körperliche Arbeit waren die anfallenden Kosten für den Führerschein.

 

 (photo: Iris Hoffmann)
(Photo: Iris Hoffmann)

Publié le by Iris Hoffmann (author)

Am  31. Mai aus Nancy zurückgekommen, trat ich also um 9 Uhr in der Billafiliale an.

Ich habe in einem Monat unter der Woche täglich von 6:00 Uhr bis 14:00 Uhr gearbeitet, und einen Samstag und einen Sonntag dazu. Das hieß für mich um  04:20 Uhr aufstehen, um pünktlich um 05:45 Uhr da zu sein. Um diese Uhrzeit waren manche anderen Kollegen schon seit längerem da. Bevor geöffnet wird, werden Sandwiches gemacht, Obstsäfte püriert und abgefüllt, das Fleisch backstage aus dem ganzen zerlegt, und so weiter. 

 

Pünktlich um 6:00 Uhr geht es los, am Bahnhofssupermarkt ist kurz vor sechs dann schon eine Schlange vor dem Geschäft, und die ersten Leute wollen einkaufen. Die meisten der Obdachlosen sind besonders liebenswert, da sie auf die Person an der Kassa vertrauen. Einer zum Beispiel hatte wohl schlechte Augen, aber kein Geld für eine Brille, und sieht so überhaupt nicht, wie viel Geld er in der Hand hat. Er kommt also immer erst zum Billa, wenn er besonders viele Münzen beisammen hat, und diese zähle ich ihm dann aus der Hand vor, um sicherzugehen, dass er bemerkt, dass ich ihn nicht abzocke.        
Besonders viel Dankbarkeit habe ich von Leuten erfahren, die am Rande der Gesellschaft stehen, und aber dann bei meiner Supermarktkassa gleich sind, wie alle anderen – nämlich zahlende Kunden.
Gegen 07:30 Uhr kommen dann besonders viele Schulkinder ihre Jause kaufen. Hierbei wurde ich desillusioniert. Das coole Volksschulkind von heute kauft sich nicht eine Wurstsemmel und einen Almdudler, sondern die 0,5 Liter Flasche Race (schmeckt wie Red Bull, sind aber 0,5 Liter) und 2 Schlecker, oder den 1,5 Liter Tetrapack Erdbeer-Kiwi Eistee und eine Packung Schokoriegel zum Teilen mit den Freunden.

Danach folgen Pensionisten und Familienmenschen, die für die nächsten paar Tage einkaufen. Auch wenn es die Kunden vielleicht nervt, kann man dann manchmal nicht widerstehen sich selbst zu testen. Wie schnell kann ich die Artikel drüberziehen? Wie schnell hintereinander kann es piepsen? Und auch nicht ganz uninteressant ist, was genau gekauft wird.

 

Um 10 Uhr dann eine halbe Stunde Mittagspause, ich kaufe mir mein Essen im BILLA und alle Kollegen rufen mir „Mahlzeit“ zu. Jetzt werden die wichtigen Dinge im Leben besprochen. Tagespolitik findet ihren Platz, und über die Krise bei der Flüchtlingsaufnahme in Österreich hört man etwas von jemandem, der 1992 selbst aus Bosnien geflohen ist. Ebendieser Mann erzählt, wie er seit 2 Jahren versucht, die österreichische Staatsbürgerschaft zu erwerben; er fühlt sich hier zu Hause. Allerdings hat ihn das bis jetzt schon an die 2.000,00 € an administrativen Gebühren gekostet, und zusätzlich irre viel Zeit. Ich frage mich, wie das wohl sein muss, seit über 20 Jahren durchgehend arbeitstätig zu sein in einem Land, das einen nicht so ganz anerkennt. Da werden die eigenen privaten Probleme schnell banal.

 

Eine Sache, die man bei diesem Job kennen, und erkennen lernt, sind Augenringe. Es ist auch nach einer Gewöhnungsphase schwer, sich um 20 Uhr ins Bett zu legen, während andere Familienmitglieder noch essen, lesen, oder etwas anderes machen. Da kommt es hin und wieder vor, dass man dann doch etwas weniger als sieben oder acht Stunden Schlaf bekommt, was sich nach einigen Tagen mit bläulich-rot unterlaufenen Augen, und mit einem Minus in der Kassa rächt. Fragt man morgens oder in der Pause in die Runde: „Wie geht’s?“ beschwert sich niemand über seine Arbeit, sondern alle sagen etwas wie „Gut, gut! Heute ein bisschen müde.“ Kaum hört das jemand, der sich gerade etwas zu trinken kaufen gehen wollte, kauft er ein Red Bull, oder ein Cola für den Kollegen mit. Man hilft sich also gegenseitig.

 

Diese Hilfestellung war für mich an der Kassa in manchen Situationen besonders wichtig. Folgende Situation: Es sind 3 Kassen geöffnet, an jeder stehen ungefähr sechs bis sieben Leute an, es ist also viel los. Ein älterer Mann kauft 7 Packungen Teebutter, ich wundere mich insgeheim über diese Mengen, ich nenne ihm den Preis, er beginnt ganz ohne Vorwarnung mich lauthals anzubrüllen: „DAS IST EINE FRECHHEIT! WOLLEN SIE MICH VERARSCHEN! SO VIEL KOSTET DIE BUTTER JA NICHT, DIE IST IN AKTION!“ Ich daraufhin etwas erschrocken, aber noch freundlich: „Die Kassa zieht die Aktion normalerweise automatisch ab, aber ich frag mal die Kollegin, vielleicht ist etwas im Computer falsch. Es tut mir leid, ich bin nur die Ferialaushilfe.“ Normalerweise sind die Leute dann zumindest einigermaßen besänftigt, der Herr aber: „DES IS MA WUASCHT! WOLLN SE MICH VERARSCHEN? DIE BUTTER IS IN AKTION, SCHAUNS, SIE! A FRECHHEIT IS DES! JAJA SO IS DAS SE WOLLN MICH ÜBERS OHR HAUEN! [etc.]“ Er holt aus einem Jutebeutel ein komplett durchnässtes BILLA Prospekt (geregnet hat es aber nicht an diesem Tag) und hört auch während ich spreche, oder den Prospekt anschaue, nicht auf herumzuschreien; die anderen Kunden sind schon besorgt. Da kommen aber zum Glück schon zwei Kolleginnen und fragen den Herrn, was los ist, schirmen mich ab, lenken von mir ab, und holen dann den Filialleiter, weil der gute Mann nach wie vor in Schreilaune ist.

Viel häufiger als solche Momente, waren aber jene ganz großer zwischenmenschlicher Erlebnisse. Ältere Damen freuen sich wie kleine Kinder, wenn man sie begrüßt, anlächelt und ihnen die Bonuskarte nach dem scannen wieder in die Hand gibt. Schulkinder merken, dass sie ernst genommen werden, wenn ich ihnen erkläre, dass sie mir nicht zwei 5 Euro Scheine zu geben brauchen, wenn ihr Einkauf nur 2,86 € kostet. Stammkunden sind erstaunt, wenn man sagt „Ah, heute nur eine Packung Heu?“, und bedanken sich für die Aufmerksamkeit, und erzählen dann noch gleich eine lustige Geschichte von Fifi dem Meerschweinchen. Meine liebsten Kunden waren ehrlich gesagt die Obdachlosen. Während meiner Schicht kommen sie bis zu fünf mal vorbei, und kaufen dann immer wieder so viel Alkohol, wie sich gerade ausgeht. Kaum andere Kunden waren so freundlich, lustig, rätselhaft, oder dankbar. Interessanterweise geben die, die am wenigsten haben, am meisten. Nie hätte einer von ihnen das Rückgeld von 1 Cent – 10 Cent zurückgenommen. Das war immer für die Kassa. „Rechne es zusammen, wenns reicht, gehen wir auf einen Kaffee im McDonalds und du lädst mich ein“ – Zitat der Obdachlosen mit Vollbart und roten Löckchen, der perfekt italienisch konnte und mit seinem Charme immer alle anwesenden Damen zum Erröten gebracht hat. Hinter diesen Menschen steckt weit mehr, als ihre Obdachlosigkeit.

 

Für den Führerschein hatte ich nach diesem Monat genügend Geld, und was viel wichtiger ist, ist alles, was ich in diesem einen Monat gelernt habe. Oft denke ich zurück an meine Kollegen, an die Stammkunden, und an die vielen Erlebnisse, von denen ich noch lange zehren werde. Zumindest bis Weihnachten jedenfalls, in den Ferien werde ich zumindest ein paar Tage wieder dort arbeiten. 

Das coole Volksschulkind von heute kauft sich nicht eine Wurstsemmel und einen Almdudler, sondern die 0,5 Liter Flasche Race (schmeckt wie Red Bull, sind aber 0,5 Liter) und 2 Schlecker

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