Der Aufstand

Rezension des Theaterstücks von Mely Kiyak

Im Rahmen des Deutschunterrichts haben sich einige Studenten von SciencesPo am 6. November das Theaterstück  von Mely Kiyak mit dem Namen „Der Aufstand“ angeschaut. Es handelt von den vielen Fragen rund um die Repression der kurdischen Minderheit in der Türkei. Im Stück selbst spielt nur ein einzelner Schauspieler, doch es werden indirekt durch Videoaufnahmen und weitere Mittel andere Schauspieler mit einbezogen. Die Hauptperson Benâv, ein Lehrer und Künstler kurdischer Abstammung, erzählt von seinen Erlebnissen und Gefühlen. Durch Anekdoten aus seinem Leben erhält der Zuschauer einen exemplarischen Einblick der Umstände, unter denen das kurdische Volk leben muss.
Eine Rezension.

Publié le by Sarah Michot (author)

Benâv wurde aus seinem Heimatdorf vertrieben, darf seine Sprache nicht sprechen, sich eigentlich auch keine Fragen nach den Gründen stellen. Benâv hat sich seinen Namen selbst gegeben, er bedeutet „Ohne Namen“. Sein wirklicher Name ist Kurdisch und demnach in der Türkei verboten. Den zweiten – türkischen-  Namen auf seinem Pass haben ihm seine Eltern nur aus legalen Gründen gegeben, da kurdische Namen verboten sind.

Benâv versucht jedoch, durch seine Kunst in Form von Fotos, Reden und Video-Montagen auf die Suche nach seiner Identität zu gehen und Ereignisse der letzten Jahrzehnte kritisch zu hinterfragen. Das Stück beginnt damit, dass Benâv seine Gefühle bei Demonstrationen beschreibt. Die Angst und Unsicherheit, die einen übermannen können, werden dort durch den Rauch, welcher das oft von der Polizei eingesetzte Tränengas symbolisiert, bestärkt. Auf dieses dramaturgische Mittel greift das Stück des Öfteren zurück und kreiert damit eine sehr starke Bindung zwischen dem Publikum und dem Geschehen auf der Bühne. Das ein oder andere Mal muss ein Zuschauer husten und so wird die Idee der Machtlosigkeit gegenüber dem Regime und der Kultur in dem Stück zum Leitfaden.

Benâv erzählt auch von dem Tag, an dem die Polizei kam und seiner Familie alles nahm, was sie besaßen. Dabei kann man seine Gefühle sehr nah stark nachempfinden, insbesondere seinem Vater gegenüber. Wie reagiert man, wenn eine Person, die man immer respektiert, sogar gefürchtet hat, plötzlich ganz kleinlaut und hilflos ist?

Auch das alltägliche Leben wird in diesem Stück dargestellt, und unter welchen Umständen viele Kurden heute noch leben.

Was in dem Stück den Zuschauer am meisten bedrückt, ist die fehlende Meinungsfreiheit, die Benâv durch seine Erzählungen darstellt. Nachdem er seiner Schulklasse im Geographie-Unterricht Informationen über die kurdische Unterdrückung auf sehr neutrale Weise kundtut, wird er nach einer Petition seiner Künstlerkollegen von einem Empfang in Deutschland ausgeladen. Dies wirft auch die zwingende Frage nach Mitschuld auf: Inwiefern kann und muss jeder Einzelne die Geschehnisse kritisch hinterfragen und sich dann eine Meinung bilden?

Auch die Aufstände von 2012 im Gezi-Park werden erwähnt, was zur Aktualität des Stücks beiträgt. Diese Aufstände werden heute als ein Symbol zivilgesellschaftlichen Wiederstandes gegen das Regierungssystem und gegen überzogene Polizeigewalt gesehen. Dort trifft die Hauptperson auf seine Kollegen, die ihn davor denunziert hatten, jetzt aber unter anderem für seine Rechte kämpfen. Die Frage danach ob die Angst vor dem Regime vor den Protesten zu groß war, um sich zu wehren, oder ob die Menschen wirklich einfach nur dem großen Strom folgen müssen und gar nicht mit eigens erworbenem kritischen Denken entscheiden können stellt sich. So beinhaltet dieses Theaterstück auch eine soziologische Studie des Massenverhaltens.

Die Unterdrückung der Kurden ist noch immer ein Tabu-Thema, nicht nur in der Türkei. Auch in den westlichen Ländern wird sehr wenig darüber gesprochen, das Thema wird  lediglich totgeschwiegen. Durch dieses Theaterstück schafften es sowohl die Autorin, der Regisseur, sowie der Schauspieler, die Zuschauer persönlich zu ergreifen. Ich persönlich hatte am Ende der relativ kurzen Aufführung das Gefühl, selbst an einem kleinen Widerstand, sogar Aufstand teilgenommen zu haben, und werde mich in Zukunft auf jeden Fall kritischer mit dem Thema auseinandersetzen. Zusammenfassend muss ich sagen, dass es ein sehr gelungenes Stück war, das bei mir und hoffentlich vielen anderen Zuschauern das sein Ziel erreicht hat: uns zum Nachdenken bringen.

Die Idee der Machtlosigkeit gegenüber des Regimes und der Kultur wird in dem Stück zum Leitfaden.

0 Response(s) to “Der Aufstand”

Leave a reply